Gedenken an die Opfer in Halle und Solidaritätsaktion einer konstruktiven Zivilgesellschaft mit Jüdinnen und Juden

Hasan Dagdelen, Stuttgarter Lehrhaus, spricht als Vertreter der Muslime, Foto: Lothar Eberhardt
Hasan Dagdelen, Stuttgarter Lehrhaus, spricht als Vertreter der Muslime, Foto: Lothar Eberhardt

Gut besucht war die Alte Synagoge Hechingen, nachdem die Initiative Hechinger Synagoge zusammen mit dem Tübinger Landrat Joachim Walter und Staatsministerin Annette Widmann-Mauz am Tag nach Jom Kippur und dem Terroranschlag in Halle spontan zu einer Solidaritäts- und Gedenkveranstaltung aufgerufen hatte. Diesmal waren auch Polizisten zur Sicherung der Veranstaltung eingesetzt.

 

„Lasst uns heute schützend vor jüdischen Einrichtungen im ganzen Land stehen! Seid mit vor Ort und demonstriert Solidarität!“, so hatte Staatsministerin Annette Widmann-Mauz zuvor zu dieser Veranstaltung aufgerufen. Sie forderte mehr Polizeischutz für Moscheen und Synagogen. Ob nun der Letzte kapiere, dass Deutschland ein Problem mit Rechtsextremismus habe?

 

Lothar Vees, ein Vorsitzender der Initiative Hechinger Synagoge e.V., führte in die Veranstaltung ein. Symbolträchtig spendeten Kerzen auf einem siebenarmigen Leuchter Licht. Vertreter aller abrahamitischen Religionen und Kornelia Maas, zusammen mit Lothar Vees Vorsitzende der Initiative Hechinger Synagoge, standen gemeinsam vorne. Sie hielten auch Ansprachen. Hasan Dagdelen vom Stuttgarter Lehrhaus sagte als Vertreter der Muslime in einer sehr bewegenden Rede, er sei über sich erschrocken, als er seinen ersten Gedanken reflektierte: "Hoffentlich war kein Muslim der Täter!"

 

Heinz Högerle berichtete von Untätigkeit von Staatsanwaltschaftschaft und Polizei sogar bei einem Vorfall, den er und ein anderer per Protokoll auf der Polizei bezeugt hatten, nachdem sie einen der Täter selber vorläufig festgenommen und der Polizei übergeben hatten. Barbara Traub, die Vorstandsprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRG), sagte, dass die Gesellschaft zu lange zugeschaut habe. Mit stockender Stimme berichtete sie, dass ein Sohn einer Mitarbeiterin der IRG gestern abends im Bett geäußert habe, dass er Angst um seine Mutter habe, wenn sie in dem Israelitischen Gemeindehaus arbeite. Sie hoffe, dass jetzt nicht Menschen aus Angst vor Anschlägen den Veranstaltungen der IRG fern blieben. Genau dies sei aber das Ziel solcher Attacken: Angst, Schrecken und Verunsicherung zu verbreiten!

Doch die hier Versammelten und die zahlreichen Solidaritätsbekundungen vom Vormittag machten ihr Hoffnung. Polizei und Justiz müssten nun mehr tun als zuvor. Sie grüßte am Ende ihrer Rede mit einem hoffnungsvollen "Schalom!". Die Versammelten gedachten der Todesopfer und der Verletzten. Zudem bezeugten sie Solidarität mit der Jüdischen Gemeinde in Halle sowie mit allen Jüdinnen und Juden in Deutschland. Den Abschluss bildete ein Impuls der Stille.

 

Manuel Werner, 10. Oktober 2019

 

Nachtrag vom 11. Oktober 2019

 

Heute - einen Tag später - hörte ich an meinem Wohnort von "ganz normalen Menschen"(über 40 Jahre alt): "Wo ist denn die nächste Synagoge? In E.? Da wird noch mehr kommen. S' gibt immer Nachahmer! ...

Die Juden sorgen schon dafür, dass das bekannt wird. Die sind ja alle reich. Und gegen d' Juda darfsch nichts saga! Dann isch sofort die Hölle los!"

 

Ein anderer warf hierzu ein: "Meine Mutter hat gesagt: 'Du musch dich damit abfinden, dass der Rechtspopulismus zunimmt, dass das wieder eine Diktatur wird in Deutschland. Jetzt schieben sie einem (gemeint: Täter) alles in die Schuhe..."

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